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Die Farben sind das Rohmaterial, die ausufernde Emotion im Bild, die Erreger, die Drogen, die Lustmacher, bieten sich aber auch als „Wegweiser der Verwirrung“ an. Ein falscher Farbton im Bild kann dieses in die Knie zwingen, wie zuviel Salz in der Suppe.

Das Arsenal der Formen, die man sich im Laufe der Zeit aneignet, den Buchstaben des Alphabets vergleichbar, sind die Bausteine, die den formlosen Farben Halt und Richtung geben. Diese Form und Farbteile versuche ich auf dem Bildträger in Fahrt zu bringen, im Zustand eines „wachen Schlafes“, indem ich sie aneinander reibe, verkante und durch Schichtung zu einem räumlichen Gebilde verdichte, bis ein Eigenleben im Bild entsteht und Schönheit in dem mir fremden Körper des Bildes aufscheint.

Heiko Herrmann März 2003

Aktuell

Malerei

Sonnwendnacht
2013, Öl auf Leinwand, 100 x 180 cm
Aufbruch hier
2015, Diptychon, Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm
Traum eines irischen Hundes
2014, Radierung/Collage, 20 x 30 cm, Auflage 17 Stück
Hundsbuam geflockt
2011, Öl auf Leinwand, 35 x 70 cm

Gespinste
2010, Gouache, 29,5  x 41,5 cm

Kompendium
Ausschnitt eines Bilderfriesses, Gouache auf Bütten, 10,25 cm x 25 cm
Welt im Kopf III
2008, Holzschnitt, 45 x 32 cm, Auflage 9 Stück
Billy Budd I – III
2007, Mischtechnik auf Leinwand,  je 70 x 40 cm
Wege des Enzians
2006, Öl auf Leinwand, 50 x 50 cm
stabile Seitenlage
1999, Holzschnitt, 50 x 70 cm, Auflage 7 Stück
Die göttliche Komödie
1995, Öl auf Leinwand, 235 x 195 cm
Faustrecht der Freiheit
1994, Öl auf Leinwand, 100 x 200 cm
die Moosinninger
1991, Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 57 cm
auf in den Ring
1976, Acryl auf Leinwand, 60 x 71 cm

Malen ist wie Stricken

Es geht mir nicht darum zu sagen, malen sei so leicht oder schwierig wie Stricken, sondern die Verfahrensweise hat Ähnlichkeit mit meiner Malerei. Es geht darum Rot und Grün, wie sie als Rohzustand in Tuben erhältlich sind, in einen Zusammenhang von Raum und Zeit, Figur und Grund, Positiv – und Negativform, Bewegung und Stillstand zu verstricken. Den Materialien der Malerei, von denen ich ausgehe, Leben ein zu flössen. Ähnlich wie man durch Reibung von Holz Feuer entfachen kann.

Anders gesagt, ich versammle auf der Leinwand erst einmal verschiedenartiges Gerümpel von Farbflecken, Linien, lasierenden Farbflächen usw, die ganze Palette, die das Material Farbe hergibt, sehe mir dies sehr lange an und greife dann in dieses Geschehen vor meinen Augen ordnend ein. Verstärke die eine Form gegen die andere, verschiebe hier eine Gewichtung zu Gunsten einer anderen, ziehe eine Farbe die auf unterer Ebene des Bildraumes liegt auf die oberste Ebene, stelle mit Hilfe der Linie einen neuen Zusammenhang von Formen her, versuche das Bildgefüge ineinander zu verzahnen, zu verstricken, bis Leben in diesem Bildorganismus entsteht.

Das ist als ob man auf Treibeis schwankt und versucht festen Boden unter die Füße zu kriegen, wenn es dann gelingt, das Gerümpel in eine stabile Seitenlage zu bringen, ist es wie ein Wunder. Oder wie es Mark Rothko schreibt: „Das wichtigste, was sich der Künstler durch ständige Übung anzueignen vermag, ist die Fähigkeit, zur gegebenen Zeit Wunder zu wirken.“ Das Wunderbare muss ins Bild eingehen, denn im Augenblick der Vollendung bricht die enge Verbindung zwischen Schöpfer und Schöpfung ab. Der Maler tritt hinter sein Bild zurück. Es muss sich ihm, wie jedem späteren Betrachter, als unerwartete, bisher noch nie gestillte Erfüllung eines längst gehegten persönlichen Anliegens offenbaren.

Diese ganze Diskussion, ob man Gegenständlich oder Abstrakt zu malen habe führt meines Erachtens nur zu Verhärtungen, in Sackgassen hinein. Es geht darum, seine eigenen Bilder zu finden, sich diese zu eigen zu machen, sich an ihnen zu reiben, um wieder atmen zu können, Schönheit zu erleben. Wer hatte noch nie dieses wunderbare Erlebnis vor Seinem z.B. in einem Museum gefundenen Bild, wenn es einem beim Betrachten desselben den Rücken wonnig herunterrieselt, und man instinktiv weiß, das ist es, was ich suchte.

Heiko Herrmann

Plastiken

Goliath
2015, Eisenguß, verlorene Form, Höhe 33 cm
Drei Terracotten
2002, bemalt, glasiert,  Höhe ca. 40 cm
Die Begierde
2015, Eisenguß, verlorene Form, Höhe 21 cm
Himmel Hölle
2012, Linde geweißt, Höhe 84 cm
Aussenweltstabilisator
2015, Eisenguß, verlorene Form, Höhe 38 cm
Inseldasein
1999, Aluguß, verlorene Form, Höhe 48 cm
Rufer in der Wüste
2015, Eisenguß, verlorene Form, Höhe 36 cm

 

Verlorene Form

In dem Wort „Verloren“ steckt das Scheitern, wie in dem Wort „Form“, das Gelingen.

Aus verlorenen Formen, den Resten dieser Welt, Wellpappeschachteln und Styroporverpackungen versuche ich Gebilde zu gestalten, die ich mit dem Collageverfahren durch Schnitte in das jeweilige Material, zu neuen Figuren forme.
Es geht um die Verwandlung, aus den verlorenen Materialien neue Formen zu entwickeln, ein Gestaltungsprinzip, aus dem Kunstfiguren entstehen, aus denen Energie und Schönheit aufscheint.

Die „verlorene Form“ bezeichnet man in der Gusstechnik als ein einmaliges Gussverfahren, da es keine Form zum nach gießen gibt, nennt  man sie „verlorene Form“

Heiko Herrmann 2008

Portrait

Von den Anfängen

1973 lernte ich über eine Empfehlung einer Freundin Heimrad Prem kennen. Als ich zu ihm nach Moosach bei München hinaus fuhr, da war ich von dem romantischen Gedanken beseelt, ein Maler zu werden, mit allen Klischees, die man mit 20 Jahren sich so macht, vom Berufe eines Malers: Leinwand -Staffelei, Pfeife rauchend und vor allem schweigend in einem Raum zu sein und zu malen. Ich hatte gerade eine Lehre als Glas und Porzellanmaler hinter mir, wollte mein Leben aber nicht als Dekorateur von rosenverzierten Porzellanservicen und Hinterglasbilderkopien beenden. Es war also mehr ein Wunsch, wegen des Schweigens Maler zu werden, als eine Berufung. Was und wie ich malen wollte, das wusste ich nicht so genau, die Mode meiner Generation hieß Salvadore Dali, wie viele andere trampte auch ich damals nach Baden-Baden zur Dali-Ausstellung.

Bei Prem angekommen, war einer seiner ersten Sätze, Was ich denn von ihm wolle, ich solle doch besser in die Computertechnik einsteigen. Was damals durchaus hellsichtig war. Malen sei eine verdammte Sache, damit und davon könnte man nicht leben. „Außer du magst Lüngerl mit Knödel (das billigste Essen in einer bayerischen Wirtschaft), und willst unbedingt Maler werden.“ Das wollte ich, und wir einigten uns, ich sollte für ihn in der Früh alles machen, was zum Handwerk eines Malers gehört, Keilrahmen aufspannen, Rahmen bauen, Passepartouts schneiden usw., dafür würde er mir am Nachmittag alles über Malerei erzählen und mir praktische Anleitung hierzu geben. Es wurde daraus ein sehr fruchtbares Jahr, denn ich bekam von Heimrad Prem eine sehr persönliche, großartige Einführung in die Geschichte der Malerei, nicht wie sie in den Schulbüchern steht, sondern aus erster Hand, von einem praktizierenden Maler, mit aller Leidenschaft und großer Begeisterung für die Malerei von der Höhlenmalerei bis heute. So kam ich sehr schnell von den Klischees, die ich hatte, weg, zu einem wunderbaren Fundus von Geschichte der Malerei, ihren Möglichkeiten und Wirklichkeiten. Prem sagte zu mir: „Ein Maler muss genauso wie ein Elektriker wissen, was vor ihm alles gemacht wurde und erfunden wurde, sonst kann er sein Handwerk nicht ausführen.“ Das war für mich eine viel fruchtbarere und intensivere Zeit des Aufnehmens und Lernens als die vielen Jahre, die ich in der Akademie verbrachte.

1976 kam ich beim zweiten Anlauf an die Akademie in München. Zur gleichen Zeit wurde von Prem und Helmut Sturm mit einigen anderen MalerInnen das Kollektiv Herzogstrasse gegründet (1975 – 1981). Dies war unter anderem ein Wunsch von Prem, der mir schon damals erzählte:

“ Die Spur -Zeit von 1959 -1965 war die fruchtbarste und schönste meines Lebens, danach kam die Popart und ich habe in die Scheiße der Solokarriere eines Künstlers gelangt“. Kunst entsteht immer im Zusammenhang von Gruppen. Die schönste Plastik des 20ten Jahrhunderts, die Schiffsschraube wurde auch von einer Vielzahl von Technikern, Ingenieuren und Wissenschaftlern entwickelt. Kunst entsteht nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Diskussion, der Reibung verschiedener Individuen, auf der Suche nach Neuem.“

So war ich, ein weiterer Glücksfall meines Lebens, ab 1976 Mitglied des Kollektiv Herzogstrasse. Es entspann sich ein reger Austausch, hitzige Diskussionen über Kunst und Leben. Wir verstanden uns als eine Art utopisches Modell für Gesellschaft, ein Forum für Zwischenöffentlichkeit, und erprobten die Möglichkeit der Gruppenmalerei. Wir wollten die Fähigkeiten des Einzelnen in einem gemeinsamen Handeln bündeln und steigern zu einem Ganzen, dies entwickelte sich zu einem Höhepunkt in den Ausstellungshallen in der Lothringerstrasse 13, München, die Ausstellung hieß: “Begehbare Malerei“ (Die gesamte Geschichte der Künstlergruppen ist nachzulesen in dem Katalog: „Cobra, Spur, Wir, Geflecht, Kollektiv Herzogstrasse, Bonner Kunstverein, Gesellschaft für aktuelle Kunst Bremen, Galerie der Künstler München)

Durch die Zeit mit Heimrad Prem und dem Kollektiv Herzogstrasse kam ich von Anfang in einen praktischen und theoretischen Zusammenhang von Kunstmachen und wusste, worauf ich mich da einlasse. Es war wunderbar, als ich mir in den 80er Jahren in einer Wirtschaft Lüngerl und Knödel bestellte und mir sagte: “Das hast du dir erpinselt“

1991 kam ein weiterer Glücksfall, mein Atelier in Pertolzhofen in der Oberpfalz (im Fadenkreuz von Moskau, Madrid, Prag und Paris). Der Zehentstadel ist geräumig und lud von Anfang an dazu ein, mit Malerfreunden dort zu arbeiten.

So entstanden ab 1993 die „Pertolzhofener Kunstdingertage“, ein Künstlersymposium: Wiederum ein Versuch, dem Geheimnis der Kunst und des Lebens gemeinsam auf die Sprünge zu helfen.

2004 gründeten wir den Kunstverein Pertolzhofen, um das Ganze auf solidere Beine zu stellen. 2007 kam noch die KUNSTHALLE PERTOLZHOFEN dazu, ein beweglicher Ort für die KUNST. Näheres finden sie undter www.kunstverein-pertolzhofen.de und in diversen PERTOLZHOFENER HEFTEN…

…und natürlich hier auf meiner Webseite

Heiko Herrmann 2017